Kantorei auf Reisen

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In einer lauen Frühlingsnacht auf der Kirchturmspitze von St.  Aegidien zu stehen, in die Ferne zu schauen und über den Dächern des Städtchens Oschatz „Der Mond ist aufgegangen“ anzustimmen – das war einer der besonderen Momente bei der Konzertreise, die die Evangelische Kantorei über Himmelfahrt wieder einmal in den östlichen Teil Deutschlands unternommen hat. Auch die Vorstellung der Sonnenorgel in St. Peter und Paul in Görlitz mit all ihren interessanten Registern und die Begegnung mit dem dortigen  KMD Seliger, der für die auf der Empore versammelte Kantorei „mal eben“ noch große Werke von Widor und Reger aus dem Ärmel schüttelte, war einer dieser Momente. Die Fahrt mit der Dampflokomotive nach Oybin und die Wanderung auf die Burganlage zählen dazu, die „Himmelfahrtsandacht“ morgens in dem lichtdurchfluteten Kirchlein oberhalb des Stifts, in dem der Chor untergebracht war … und natürlich: die Musik sowie die Begegnung mit den Menschen in den Gemeinden. Für die Konzerte waren alte Meister wie Schein, Schütz und Bach im Gepäck, dabei auch Doppelchöriges, Vater unser-Vertonungen, interessante zeitgenössische Kompositionen und nicht zuletzt Mendelssohn.

Die Idee zu der Reise hatte Renate Treese, eine Altistin der Kantorei, die aus Görlitz stammt und deren Vater dort Kirchenmusikdirektor gewesen war. Gemeinsam mit Paul (Hans-Jürgen) Michels, dem Reiseleiter der Kantorei, kam eine Fahrt zustande, die mit viel Herz geplant wurde. So hatte die Sängerin schnell ihre Kontakte geknüpft und eine Unterbringung in einem wunderschön gelegenen Stift in der Nähe von Görlitz organisiert, dazu eine Führung durch die bezaubernde Stadt und die Möglichkeit, am Freitag in der Kreuzkirche zu singen. Wie dankbar waren die Sängerinnen und Sänger, dass vor Ort viele Menschen für das Konzert geworben hatten und es deshalb so gut besucht war.

Samstag ging es – nach einer Zwischenstation in Dresden –  für eine Nacht nach Oschatz, wo Paul Michels Anfang der Neunziger eine Weile beruflich beschäftigt gewesen war. Aus dieser Zeit kannte er den umtriebigen, inzwischen über achtzigjährigen Pfarrer Zehme, der damals einen Verein zur Rettung der ruinösen Kirche St. Aegidien mit gegründet und mit diesem enorme Summen für die Renovierung akquiriert hatte. Mit Begeisterung hieß er die Kantorei willkommen, es gab üppig Kaffee und Kuchen – was die Kantorei längst nicht immer erlebt -, und auch dort waren viele zum Konzert gekommen. Anschließend gab es von Seiten des Pfarrers noch reichlich über die Geschichte der Kirche und dann auch die „Türmerstube“  zu erzählen, die bis 1968 bewohnt gewesen ist und nun vom Verein als liebevoll gestaltetes Museum betrieben wird. Dort war denn auch die herzliche Bewirtung des Chores – und es gab den oben beschriebenen Gesang.

Am nächsten Morgen fand ein Wiedersehen mit Johanna Lauber statt, die bis Sommer 2017 Geigenlehrerin an der Musikschule Iserlohn und Chorsängerin war und dann in ihre Heimatgemeinde in Halle an der Saale zurück gekehrt ist. Die Kantorei war im Dom zu Halle in einem reformierten Gottesdienst musikalisch zu Gast. Der Kirchenmusiker und die Pfarrerin dort sind Geschwister von Johanna Lauber. Dass Gemeinden in den östlichen Bundesländern noch viel mehr mit Instandhaltung von Kirchen und Instrumenten zu kämpfen haben und mit deutlich geringeren Mitgliederzahlen, war hier nicht zu übersehen.

Nach einer weiteren Stadtführung bei herrlichstem Wetter ging es zurück nach Iserlohn, nicht ohne einen letzten besonderen Moment: bei einer Rast spendierte ein plötzliches Gewitter mitten im Picknick reichlich Wassersegen von oben.